Physik wird von und für Menschen betrieben. Motiviert wird sie meist mit ihrem großen Nutzen für die Menschheit und die jeweilige Gesellschaft. Sie soll in erster Linie zivilen Zwecken und dem Wohl der Menschen insgesamt dienen. Seit der Aufklärung vor rund dreihundert Jahren wurde in unterschiedlicher Weise immer wieder formuliert, dass Forschung frei von Ideologie sein soll, der Neutralität und Objektivität verpflichtet. Zudem bauen die Erkenntnisse der Physik seit Jahrhunderten auf Grundlagenforschung und angewandter Forschung auf.
Die Erkenntnisse der Physik sind vielfältig nutzbar. Spätestens, wenn sie Labor und Forschungseinrichtung verlassen haben, muss eine Gesellschaft sich damit befassen, wie mit ihnen umzugehen ist. Sie sind somit ein moderner Faktor in der jeweiligen Gesellschaft, national wie international. Wissen verleiht aber auch Macht. Wissen und Methoden der Wissenschaft können ambivalent sein, in ihrem Nutzen also Vorteile und unerwünschte Wirkungen vereinen. Einmal erkundete Zusammenhänge und darauf beruhende Erfindungen sind kaum rückholbar oder einfach zu verbieten. Aus der Garantie der Wissenschaftsfreiheit im Grundgesetz folgt heute die Pflicht der Forschung, Verantwortung wahrzunehmen, d. h. Forschende und Institutionen zu sensibilisieren, eine Nutzen-Risiko-Abwägung vorzunehmen, vor negativen Folgen zu warnen, adäquate ethische Regeln zu diskutieren und vorzuschlagen und Gesellschaft wie Politik über Konsequenzen zu informieren oder zu beraten.
Dieser Abschnitt beschäftigt sich zunächst mit dem internationalen Charakter von Wissenschaft und dem Begriff der Wissenschaftsdiplomatie (Science Diplomacy). Angesichts des geopolitischen Wandels stehen internationale Projekte vor neuen Herausforderungen. Ein Gespräch zwischen Karin Zach und Rolf Heuer (Seite rechts) verdeutlicht die Internationalität von Wissenschaft und ihre heutigen Herausforderungen. Disruptive Technologien (etwa bei den Quantentechnologien) können einerseits bahnbrechende Innovationen ermöglichen, aber andererseits auch neue Risiken heraufbeschwören, denen gesellschaftlich auch durch rechtliche oder ethische Regeln begegnet werden sollte (Seite 321). Eine weitere Herausforderung bilden die Chancen und Risiken von Cybertechnologien im Rahmen einer sich weiter entwickelnden Informationsgesellschaft. Hier stehen die Auswirkungen des Einsatzes von künstlicher Intelligenz im Mittelpunkt der Debatten. Die Abschätzung von Chancen und Risiken auch im Sinne der Steigerung von Akzeptanz in der Gesellschaft benötigt eine funktionierende Wissenschafts- und Technikfolgenabschätzung, beginnend mit einer wissenschaftlichen Entdeckung, ihrer Anwendung und Vermarktung bis hin zur Diskussion ihrer gesellschaftlichen Implikationen (Seite 319). Die Ambivalenz einer Jahrhundertentdeckung wird deutlich am Beispiel der Freisetzung der Nuklearenergie für friedliche wie militärische Zwecke und der Abrüstungsanstrengungen, an denen sich maßgeblich auch Physiker:innen beteiligt haben (Seite 323). Neben der Schaffung von ethischen sowie internationalen und nationalen Regeln zur Risikominimierung gibt es auch die Pflicht, die Gesellschaft und die Politik über die Implikationen der Forschung und Entwicklung aufzuklären und zu beraten (Seite 329). Ein weiterer wichtiger Aspekt ist eine rationale Wissenschaftskommunikation (Seite 333), die wissenschaftsbasierte Fakten verständlich präsentiert, kritische Sichtweisen nicht ausspart und wissenschaftliche Methodik in der Gesellschaft verankert. In einer Zeit, in der massenmediale Halbwahrheiten, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien zum Alltag gehören, ist die Vermittlung und Kenntnis von wissenschaftsbasierten Fakten, Analyse und Methodik essentiell.
